Christliche Werte in der heutigen Zeit

Veröffentlicht am So., 4. Jun. 2017 20:57 Uhr
Bericht Gemeinde im Gespräch

Diskussionsabend am 12.04.2017


Haben Sie sich schon einmal Gedanken über christliche Werte und unseren Umgang mit ihnen gemacht? – Zugegeben, einige von ihnen sind wie selbstverständlich in unserem gesellschaftlichen Bewusstsein verankert. Denken wir nur an die zehn Gebote - „Du sollst nicht töten“, „Du sollst nicht stehlen“ usw.. Andere jedoch sind weit schwieriger zu erfassen.
Von diesen Werten haben wir fünf, die auch von der christlichen Kirche benannt werden, für unseren Gesprächskreis ausgewählt:
• Nächstenliebe
• Demut
• Barmherzigkeit
• Wertschätzung
• Hoffnung
Jeder der genannten Begriffe wurde zu Beginn seiner Erörterung kurz definiert. In der sich anschließenden Diskussion sollten sowohl der eigene Standpunkt als auch mögliche Fremdwahrnehmungen berücksichtigt werden. Und los ging es! - Die anwesenden Gemeindeglieder waren sich einig, dass „Nächstenliebe“ aktive, zugewandte und uneigennützige Hilfe gegenüber unseren Mitmenschen bedeutet. Als Triebfedern unseres Handelns wurden Mitleid und das Bedürfnis, Not lindern zu wollen, angeführt. Spannend war die Beantwortung der Fragen: „Wo beginnt Nächstenliebe und wann ist sie angebracht?“ Hierzu gingen die Meinungen teilweise weit auseinander und ihre Vielzahl war erstaunlich. Übereinstimmend stellten alle am Gespräch Beteiligten fest, dass Nächstenliebe etwas mit menschlicher Nähe zu tun hat. Entsprechende Hilfsaktionen sind nicht zwangsläufig mit finanziellen Aufwendungen verknüpft. Stattdessen sollten Handreichungen und die Unterstützung bei Alltagsverrichtungen im Vordergrund stehen. Auf große Begeisterung in der Runde stieß der Vorschlag, Notleidende in unsere Gebete einzuschließen.
Allerdings mussten wir auch feststellen, dass sich gegenwärtig in unserer Gesellschaft immer mehr Gleichgültigkeit gegenüber unseren Mitmenschen ausbreitet. Verantwortungsbewusstsein wird gerne verdrängt. Spontane Hilfsbereitschaft wird selten. Gründe hierfür mögen die Tatsache sein, dass Nächstenliebe Zeit und mentale Kraft erfordert. Aber auch die gefühlte Überforderung des Einzelnen, sowie eine selbstverständliche Erwartungshaltung des Gegenübers spielen eine Rolle. Abschließend wurde darauf verwiesen, dass aufrichtige Nächstenliebe keine Dankbarkeit erfordere.
Etwas schwer taten sich die Anwesenden mit der „Demut“. Laut Definition bedeutet sie „klaglos den Platz einzunehmen, der einem vom Schicksal zugewiesen wurde“. Leider wurde der Begriff „Demut“ im Laufe der Zeiten kirchlicherseits häufig missbraucht, um Menschen klein und gefügig zu halten. Wünschenswert wäre es, unter ihr eine Haltung zu verstehen, die uns zufrieden sein lässt. Demut bedingt jedoch nicht nur Zufriedenheit, sondern beinhaltet auch Bescheidenheit. Letztere muss nicht immer von Vorteil sein, da Rücksichtslosigkeit häufig besser und schneller zum Ziel führt. Interessant war an dieser Stelle der Einwurf eines Teilnehmers, dass Demut und Bescheidenheit typisch weibliche Werte seien. Das wollten die anwesenden Damen so nicht hinnehmen. Gemeinsam wurde überlegt, ob es nicht auch eine Form der männlichen Demut gäbe. Als Beispiel hierfür einigten wir uns auf „Verzicht einer persönlichen Karriere zugunsten anderer“. Die Abwesenheit von Demut bei einer Vielzahl von Menschen kann in ihrer Konsequenz zu Aufständen und Revolutionen führen. Uneinig waren sich die Gesprächspartner, ob das Fehlen von Demut auch ein Auslöser für Wirtschaftsflucht sein kann. Wir fanden es bedenklich, wenn gerade gut ausgebildete Fachkräfte ihre Heimat ausschließlich um eines persönlichen finanziellen Vorteils verlassen. Nach Meinung der Anwesenden ist „Bildungsdemut“ ein wichtiger Faktor für die Gesellschaft. Übrigens – als Gegenteile von Demut wurden Hochmut und Egoismus definiert.
„Barmherzigkeit bedeutet sein Herz zu öffnen und sich fremder Not mildtätig anzunehmen.“ Nach dieser Begriffserklärung wurde im Gesprächskreis überlegt, welche Überschneidungen bzw. Unterschiede es hinsichtlich der „Nächstenliebe“ gibt. Nach längerer Überlegung kamen wir überein, dass „Nächstenliebe“ eine allgemeine Sympathiekundgebung gegenüber unseren Mitmenschen sei. „Barmherzigkeit“ hingegen bedeute situationsgebundene Mildtätigkeit. Ein Beispiel für Mildtätigkeit ist die Spendenbereitschaft gegenüber Bettlern, Obdachlosen und Hungernden. Hierbei wurde hervorgehoben, dass Spenden für diese gesellschaftlichen Gruppen nicht aus finanziellen Gaben, sondern aus Nahrungs- und Sachmitteln bestehen sollten. Sowohl Nächstenliebe als auch Barmherzigkeit neigen dazu, Menschen nicht als Subjekte sondern als Objekte wahrzunehmen. Auffallend war, dass gerade das Thema „Barmherzigkeit“ unsere Runde dazu verleitete, immer wieder in andere gesellschaftliche Problemfelder abzugleiten, über die wir uns in lebhafte Diskussionen verstrickten. Es genügte jedoch ein dezenter Hinweis, um uns auf unseren ursprünglichen Gesprächsaspekt zurückzuführen.
Wie bereits beim vorangegangenen Gesprächskreis reichte auch dieses Mal der vorgegebene Zeitplan nicht für die Besprechung des gesamten Programms aus – eine Tatsache, die von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern lebhaft bedauert wurde. Sie regten an, sich zu einem späteren Zeitpunkt, eventuell in erweiterter Form, ebenfalls über „Wertschätzung“ und „Hoffnung“ auszutauschen.
Christina Guth


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